Guerino Capretti und Stephan Lerch sind Teilnehmer des aktuellen Fußball-Lehrer-Lehrgangs der DFB-Akademie. Mit den Kollegen des DFB sprachen Capretti, der Trainer des Drittligisten SC Verl, und VfL Wolfsburgs Frauencoach Lerch über die Inhalte des Lehrgangs und darüber, was sie von den anderen Teilnehmern lernen können.

DFB: Herr Lerch, nehmen wir an, Sie träfen irgendwann einmal auf die Mannschaft von Guerino Capretti. Wie würden Sie Ihr Team auf den Fußball, den Ihr Trainerkollege gerne spielen lässt, einstellen?

Stephan Lerch (SL): Da ich momentan im Frauenfußball tätig bin, werden Guerino und ich wohl leider nicht ganz so schnell aufeinandertreffen. Das Spannende ist, dass jeder Trainer in unserem Kurs seine eigene Philosophie hat und wir von dem Austausch untereinander enorm profitieren können. Jeder von uns hat seinen eigenen "Fußballkosmos", für den er sich im Fußball-Lehrer-Lehrgang neue Impulse und neue Perspektiven holen kann. Da Guerino und ich uns nun schon besser kennen, würde das wahrscheinlich zu einem hochklassigen Unentschieden führen… (lacht)

DFB: Herr Capretti, inwiefern achten Sie darauf, wofür Ihre Trainerkollegen im Fußball-Lehrer-Lehrgang stehen?

Guerino Capretti (GC): Das ist total interessant. Der Austausch bringt uns weiter. Wenn man sich mit Stephan unterhält, erfährt man wahnsinnig viel über den Frauenfußball. Von Miro Klose vom FC Bayern München kann man lernen, wie es bei einem der besten Klubs der Welt abläuft. Mit David Siebers vom VfL Bochum und Eren Yilmaz von Borussia Dortmund kann ich mich zum Beispiel stundenlang über Nachwuchsfußball unterhalten. Die Herangehensweisen und Arbeitsschwerpunkte unterscheiden sich teils deutlich – und natürlich hat jeder Trainer seinen eigenen Stil. Wir verlassen in dem Kurs bewusst unsere Komfortzone, öffnen uns und kriegen ständig Feedback, um uns als Trainer weiterzuentwickeln.

DFB: Im aktuellen Fußball-Lehrer-Lehrgang der DFB-Akademie, der seit vier Monaten läuft, gehört es immer wieder dazu, sich in Szenarien hereinzudenken. Wie fällt Ihr aktuelles Zwischenfazit aus?

GC: Sehr positiv, ich nehme viel mit aus dem Lehrgang. Zum Teil kann ich das auch direkt in meine aktuelle Arbeit beim SC Verl einfließen lassen. In der Anfangszeit des Kurses haben wir viel über Körpersprache gesprochen: Welche Signale senden wir? Wie präsentieren wir uns nach außen? Das mögen nur Kleinigkeiten sein, aber man kann sie sofort nutzen. Auch im Hinblick auf die Spielphilosophie ist der Input sehr wertvoll: Wenngleich ich meine feste Vorstellung habe, wie ich Fußball spielen lassen möchte, sind die anderen Perspektiven sehr lehrreich.

SL: Natürlich müssen wir auch schauen, dass wir uns die passenden Themen und Inhalte filtern. Wir stecken mitten im Saisonbeginn, da kannst du nicht eben mal in einer Woche fünf, sechs, sieben neue Aspekte bei deiner Mannschaft einführen. Aber das ist auch das Schöne am Fußball-Lehrer-Lehrgang: Wir bekommen quasi ein Büffet angeboten und reflektieren für uns, was wir davon in die Arbeit mit unserem Team einbauen möchten und was uns als Trainer weiterhilft. Schließlich kennt man seine eigene Mannschaft und hat ein Gefühl dafür, was zu ihr passt und welches Ziel man als Trainer mit ihr verfolgt. Wir gewinnen ganz viel Wissen für die Praxis – vom Auftreten vor der Mannschaft bis hin zur Herangehensweise bei der Spielanalyse.

DFB: Herr Lerch, Sie trainieren in der FLYERALARM Frauen-Bundesliga den VfL Wolfsburg. Inwiefern wird im Lehrgang auch individuell auf Frauenfußball eingegangen? 

SL: Grundsätzlich reden wir im Kurs über Fußball. Da macht es erst einmal keinen Unterschied, ob ich die Inhalte für den Nachwuchs-, Frauen- oder Männerbereich mitnehme. Die obersten Ziele sind stets, mit der eigenen Mannschaft erfolgreich zu arbeiten sowie Spielerinnen und Spieler weiterzuentwickeln. Darüber hinaus erwarten uns im Laufe des Kurses spezielle "Individualisierungswochen": Darin soll tiefer in ein ganz spezielles Feld eingestiegen werden. Das ist aus meiner Sicht sicherlich ein Punkt, an dem man auch mal gezielter auf die Arbeit im Frauenfußball oder in der Talentförderung blicken kann.

DFB: Herr Capretti, Sie absolvieren den Fußball-Lehrer-Lehrgang parallel zu Ihrem Amt als Cheftrainer des Drittligisten SC Verl. Wie kriegen Sie dies zeitlich gut koordiniert?

GC: Es ist schon so, dass man ein gutes Zeitmanagement betreiben muss. Allerdings ist der Fußball-Lehrer-Lehrgang mittlerweile auch so angelegt, dass ein Teil der Inhalte im "digitalen Campus" absolviert werden kann – und dadurch der eine oder andere Präsenztag kompensiert wird. Es fand zum Beispiel relativ am Anfang des Kurses eine dreiwöchige Onlinephase statt: Wir haben zum Beispiel unsere Trainingspläne hochgeladen und von mindestens zwei anderen Kursteilnehmern darauf Feedback erhalten. Jeder Trainer konnte für sich ganz konkrete Punkte mitnehmen, die er direkt in seiner täglichen Arbeit im Verein ausprobieren konnte. Der Mix aus Präsenz- und Onlinephasen ermöglicht es uns, Neues auch mal schneller im Verein anzuwenden, um es anschließend wieder im Lehrgang zu reflektieren. 

DFB: In den vergangenen Wochen war häufig die Rede davon, dass Trainer heutzutage "moderne Leader" sein müssen, die nicht nur einen Spielerkader führen, sondern auch einen ganzen Staff managen. Wie nehmen Sie diese Profildiskussion wahr?

GC: Darüber haben wir tatsächlich in den vergangenen Tagen viel gesprochen. Wir haben uns mit unterschiedlichen Trainertypen befasst und auch die heutige Rolle des Trainers diskutiert. Es ist ja längst so, dass du nicht nur der Coach deiner Mannschaft bist, die gerade auf dem Platz steht, sondern du unter anderem auch als Führungskraft für deinen Staff fungierst, psychologisch arbeitest und ein Repräsentant des Vereins bist, wodurch du häufiger in der Öffentlichkeit stehst.

SL: Zum Rollenprofil gehört auch, Aufgaben an die einzelnen Experten im Staff weitergeben zu können. Einerseits, weil ich dadurch die Fachkompetenz der Menschen viel stärker nutze und ihnen auch Gestaltungsfreiheiten gebe, andererseits, weil ich dadurch auch selbst mehr Zeit für mein eigenes Kerngeschäft gewinne. Wir haben uns in diesem Zusammenhang auch mit gewissen Bildern beschäftigt: Sie haben eben die Metapher des "modernen Leaders" angesprochen. Im Kurs sind dazu unterschiedliche Gedanken entstanden – etwa der Dirigent eines Orchesters oder der Kapitän eines großen Schiffs. Das zeigt, dass das Anforderungsprofil eines Trainers heutzutage weit über Taktik und Training hinausreicht.

DFB: Die Weiterentwicklung als Trainer hört mit dem Abschluss des Fußball-Lehrer-Lehrgangs längst nicht auf. Wo holen Sie sich immer wieder Inspiration oder neuen Input her?

SL: Ich glaube, dass es da ganz unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Über die Jahre konnten wir uns ein eigenes Netzwerk aufbauen, in das man immer wieder reinhören und neue Ideen bekommen kann. Außerdem würde ich mir wünschen, dass wir auch nach dem Fußball-Lehrer-Lehrgang hin und wieder im Austausch bleiben, weil die Zusammenarbeit sehr bereichernd ist. Und schließlich gibt es auch Fort- und Weiterbildungsangebote sowie Zeitschriften und Internet – all das sollte man ebenfalls nutzen. Entscheidend ist allerdings, dass man Lust darauf hat, dazulernen zu wollen und sich von Zeit zu Zeit auch selbst hinterfragt, ob man mit seiner Herangehensweise auf dem richtigen Weg ist oder auch mal nach links und rechts schauen sollte.

GC:  Hinzu kommt, dass wir ständig den Fußball verfolgen und Spiele schauen. Dadurch saugt man natürlich viele Ideen auf – sei es für Lösungen auf dem Rasen oder auch abseits davon. Interessant wäre natürlich die Möglichkeit, häufiger bei Trainerkollegen hospitieren und sich austauschen zu können. Natürlich ist das aufgrund der Wettbewerbssituation und der knappen Zeit nicht immer möglich, aber darüber gewinnt man ebenfalls immer wieder neue Ansätze hinzu. Grundsätzlich ist es einfach wichtig, offen und lernbereit zu bleiben.

Quelle: www.dfb-akademie.de

md/05.10.2020

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