25 frischgebackene Trainer*innen durften am vergangenen Mittwoch ihre Urkunde entgegennehmen. Damit ging der 67. Fußball-Lehrer-Lehrgang zu Ende, der unter außergewöhnlichen Bedingungen durchgeführt wurde. Diese besonderen Umstände und die Offenheit der Teilnehmer*innen haben die Gruppe in besonderer Weise zusammenrücken lassen, wie DFB-Chefausbilder Daniel Niedzkowski im Interview mit DFB.de verrät. 

DFB.de: Seit der Reform des Fußball-Lehrer-Lehrgangs 2019/2020 hat nun schon der zweite Jahrgang seine Ausbildung gemeistert. Spezielle Umstände, außergewöhnliche Maßnahmen, eine besondere Gruppe – sind damit die vergangenen Monate aus Ihrer Sicht treffend beschrieben?

Daniel Niedzkowski: Auf jeden Fall. Corona war schon gegen Ende des vergangenen Lehrgangs ein Thema. Damals haben sich die Prüfungen verschoben. Jetzt haben wir einen kompletten Lehrgang unter besonderen Bedingungen durchgeführt und mussten unter anderem ein detailliertes und strenges Hygienekonzept entwickeln. Wir mussten kreativ und flexibel sein, neue Lösungen finden und mitunter auch unser Improvisationstalent unter Beweis stellen.

DFB.de: Können Sie das genauer ausführen?

Niedzkowski: Ich erinnere mich an die Situation Ende November, als es auf einmal hieß, dass wir vorerst gar keine Präsenzveranstaltungen mehr durchführen können. Wir haben dann von jetzt auf gleich auf online umgestellt. Es war dabei sehr hilfreich, dass wir mit der Online-Methodik schon zuvor Erfahrungen gesammelt hatten. Das hat sich in diesem Lehrgang ausgezahlt. Wir waren schnell handlungsfähig, die Infrastruktur war schon da. Spontan Lösungen zu finden, war trotzdem eine Riesenherausforderung – die wir für die Teilnehmer*innen und für uns mehr als zufriedenstellend bewältigen konnten. Das ging nur gemeinsam mit den Teilnehmer*innen, in diese Richtung daher auch ein großes Kompliment: Sie haben sich immer konstruktiv eingebracht. Das ganze Team, inklusive der Dozenten und der Kolleg*innen in der DFB-Akademie und der DFB-Zentrale, hat diese fordernde Situation flexibel und lösungsorientiert gehandhabt.

DFB.de: Stichwort Online-Methodik. In Zeiten der Pandemie spielte der digitale Campus eine zentrale Rolle in der Ausbildung. Sie sind sicher froh darüber, seine schnelle Einführung vorangetrieben zu haben?

Niedzkowski: Absolut. Der Onlinecampus basiert auf methodisch-didaktischen Überlegungen, auf der Frage, wie wir die Inhalte des Kurses besser vermitteln können, vor allem besser auf die berufliche Situation vieler Teilnehmer*innen angepasst. Diese Flexibilität hat sich jetzt, in einer Situation, die niemand vorausahnen konnte, als Segen erwiesen. Wir mussten nicht in einer OP am offenen Herzen Erfahrungen sammeln, die Erfahrungen lagen uns schon vor. Der Onlinecampus wäre sowieso Teil des Konzeptes gewesen und es war jetzt relativ leicht, einen größeren Akzent darauf zu legen.

Blick über den Tellerrand: Experteninterview mit Klopp und de Bruyne 

DFB.de: Wie sieht eine beispielhafte Unterrichtsstunde im digitalen Klassenzimmer aus?

Niedzkowski: Sehr unterschiedlich, es gibt da mehrere Szenarien. Einmal gibt es Möglichkeiten der Wissensvermittlung, zum Beispiel in Form eines Live-Vortrags in einer Videokonferenz mit einer reduzierten Zahl an Teilnehmer*innen. Darüber hinaus haben wir viel in Kleingruppen gearbeitet, hatten zum Beispiel ein einwöchiges Projekt, bei dem die Teilnehmer*innen fiktiv eine Profimannschaft übernehmen. Sie hatten Einzelaufträge, haben gemeinsam gearbeitet und am Ende der Woche alles zusammengeführt – in einer Präsentation über den Onlinecampus. Ein Highlight war sicherlich der internationale Workshop, den wir gemeinsam mit dem englischen, dem niederländischen und dem belgischen Verband in unserem Onlinecampus durchgeführt haben und in dem unter anderem Jürgen Klopp, Kevin de Bruyne und Roberto Martinez in Experteninterviews zur Verfügung standen.

DFB.de: Das Credo hinter dem Lehrgang lautet: Raus aus dem Hörsaal, rein in die Praxis. Sind Sie diesem Anspruch in den vergangenen Monaten gerecht geworden? War dies während zwei Lockdowns überhaupt möglich?

Niedzkowski: Ja, das ging schon. Fast alles, was wir in Präsenz durchführen wollten, ließ sich letztlich auch umsetzen. Seit Januar konnten wir leider keine Präsenzblöcke mehr in der Sportschule Hennef absolvieren und waren stattdessen in Frankfurt zusammen. Und da natürlich auch viel in der Praxis. Grundsätzlich gilt: Wir wollen weg vom Frontalunterricht – das haben wir sehr gut hinbekommen. Wir konnten das Credo leben.

DFB.de: Wie nahe kam der Lehrgang letztendlich dem, was Sie sich bei seiner Konzeption – vor Corona – gedacht hatten?

Niedzkowski: Vielleicht bin ich da jetzt ein bisschen euphorisch [lacht] - aber es hat tatsächlich so geklappt, wie wir es uns vorgestellt haben. Wenn wir zurückblicken, kann man sagen: Es gab überraschend wenig Einschränkungen. Ausnahmen waren die Situation Ende vergangenen Jahres und die Tatsache, dass nicht alle Aufgaben, die die Trainer*innen ursprünglich mit ihren eigenen Mannschaften hätten absolvieren sollen, genau so abgebildet werden konnten und wir improvisieren mussten, weil einige Teams phasenweise nicht im Trainings- und Spielbetrieb waren. Aber vor Ort konnten wir fast alles wie geplant durchziehen.

DFB.de: Wie hat Ihnen die DFB-Akademie dabei geholfen und den Lehrgang von Frankfurt aus unterstützt?

Niedzkowski: Der Austausch hat zu jeder Zeit funktioniert und wir hatten immer das Gefühl, den perfekten Support im Rücken zu haben. Praktisch gesehen war natürlich die Bereitstellung des Onlinecampus einer der entscheidenden Punkte, aber beispielsweise auch beim Hygienekonzept wurden wir super unterstützt. Konkret personalisiert sich die Hilfe auch in Krunoslav Banovcic. Er ist Athletiktrainer der A-Nationalmannschaft, gleichzeitig im Bereich Athletik in der Akademie tätig und betreut das Thema Fußball-Fitness in der Trainerausbildung. So kann ‚Kruno‘ Erkenntnisse, die er im Rahmen seiner Tätigkeit in der Mannschaft und in der Akademie sammelt, optimal bei uns einbringen.

Ausbildungsreform: individueller und spezifischer

DFB.de: Noch in diesem Jahr reformieren Sie und Ihr Team die Trainer*innenausbildung grundlegend. Warum?

Niedzkowski: Der Hauptgrund ist, dass wir differenziertere Wege für die Trainer*innen brauchen. Nachwuchstrainer*innen sollten noch individueller auf ihre Rolle als Talententwickler*in ausgebildet werden. Das Gleiche gilt für Profi- und Top-Amateurtrainer*innen. Für die Ausbildung müssen längere Zeiträume zur Verfügung stehen, wir brauchen mehr Kontakt zu den Teilnehmer*innen. Dadurch, dass wir weniger Trainer*innen in der Pro-Lizenz-Ausbildung haben und Nachwuchstrainer*innen mit der A-Plus-Lizenz eine eigene Ausbildungsstufe bekommen werden, haben wir ganz andere methodische Möglichkeiten. Die geringere Zahl wird eine wichtige Neuerung sein. Durch die Veränderung der Ausbildung insgesamt, verändert sich auch jede einzelne Ausbildungsstufe. Dabei ist es wichtig, in der gesamten Ausbildung einen stärkeren roten Faden zu etablieren. Die DFB-Ausbildung und die Ausbildungsstufen in den Landesverbänden sollen gemeinsam für etwas stehen. Alles soll aufeinander aufbauen. Das noch näher zu definieren, ist die Aufgabe aktuell und im nächsten halben Jahr.

DFB.de: Zurück zum aktuellen Jahrgang. Mit dabei waren neben einem Weltmeister und einer Europameisterin auch Trainer aus Landesverbänden, Lizenzligen und Leistungszentren. Wie haben Sie diese heterogene Gruppe wahrgenommen?

Niedzkowski: Die Gruppe in diesem Jahr hatte einen besonders starken Zusammenhalt. Alle haben sich mit einer großen Offenheit eingebracht. Das, was die Trainer*innen geben konnten, haben sie in die Gruppe eingebracht. Diese Offenheit ist der Zauber des Kurses. Natürlich haben wir ein Konzept und wissen, was wir in den Lehrgang an Inhalt und Struktur reingeben wollen. Der Schatz des Kurses ist aber die Erfahrung, die die Trainer*innen mitbringen und teilen. Da gibt es total unterschiedliche. Es ist großartig, wenn Leute wie Miroslav Klose, Kim Kulig und Hanno Balitsch oder Guerino Capretti als Drittliga-Cheftrainer aus der Praxis berichten. Das untermauert genau das, was wir in der Theorie besprechen.

DFB.de: Worauf lagen im zu Ende gegangenen 67. Lehrgang die inhaltlichen Schwerpunkte?

Niedzkowski: Die Inhalte gehen einmal komplett durch die Fußballstruktur. Wir legen großen Wert auf prinzipienbasierte Trainerarbeit. Weniger in Grundordnung und Spielsystem, mehr in Spielprinzipien denken. Das bedeutet zusätzliche Freiheit für die Spieler*innen. Wichtig ist uns auch die Wirkung der individuellen Persönlichkeit. Wir wollen die Teilnehmer*innen dazu bringen, sich gegenseitig Feedback zu geben, ihre Eindrücke zu teilen und so ein klareres Bild davon zu bekommen, wo die Stärken liegen und was das Besondere an jeder Person ist. Das muss man sich als Trainer*in erhalten.

DFB.de: Das Thema Individualisierung …

Niedzkowski: Genau. Wir gehen auf die individuellen Potenziale ein und versuchen, diese im Lehrgang anzuregen. Wir machen die Teilnehmer*innen zudem darauf aufmerksam, woran es sich lohnt, auch nach der Ausbildung weiterzuarbeiten. Ihre Entwicklung ist ja jetzt bei weitem noch nicht beendet. Alle haben einen Schritt gemacht, das konnte man das Jahr über beobachten. Wir haben ihnen nun die Werkzeuge an die Hand gegeben, sich auch in Zukunft zu reflektieren, die richtigen Fragen zu stellen und sich mit Menschen zu umgeben, die sie weiter in ihrer Entwicklung unterstützen können. Das ist unsere übergreifende Mission.

DFB.de: Was nehmen Sie persönlich aus den vergangenen elf Monaten mit?

Niedzkowski: Ich glaube, dieser Lehrgang hatte diese beispiellose Geschlossenheit und diesen Zusammenhalt, weil Corona eine gemeinsam erlebte Krise ist. Die Art, wie wir da zusammen durchgegangen sind – mit Verständnis und Dankbarkeit – die hat uns zusammengeschweißt. Corona war gleichzeitig Herausforderung, aber auch Chance für die Gruppe.

Spiel-Coaching im leeren Stadion

DFB.de: Eine Chance für Trainer*innen ist die aktuelle Situation auch deshalb, weil sie ohne Fans in den Stadien besser Einfluss nehmen können. Inwieweit sollte ein Coach das in seiner Arbeit, auch im Umgang mit kommunikativen Spieler*innen, berücksichtigen?

Niedzkowski: Grundsätzlich ist der kommunikative Spielertyp fast wichtiger, wenn Zuschauer da sind. Wenn das Stadion voll ist, erreichen Trainer*innen nicht alle Spieler*innen direkt, da brauchen sie die Multiplikatoren auf dem Spielfeld noch dringender. Aktuell erreichst du, zumindest akustisch, fast jeden zu jeder Zeit. So viel Einfluss wie jetzt kann ich als Trainer normalerweise nicht nehmen. Der Trainertyp, der über viel begleitendes Coaching, über verbale Präsenz während des Spiels kommt, hat durch die Situation vielleicht eher einen Vorteil als der, der sagt: ‚Ich überlasse das Spiel meinen Spieler*innen‘. Das Risiko ist aber andererseits auch, dass man den Bogen überspannt, weil man zu präsent ist. Spieler*innen sollten meiner Meinung nach nicht den Eindruck haben: ‚Jetzt wird alles angesagt, wir können gar nichts mehr frei entscheiden.‘ Chance und Risiko liegen in dem Fall nah beieinander.

DFB.de: Was fehlt Ihnen persönlich am meisten und worauf freuen Sie sich, wenn Corona überstanden ist?

Niedzkowski: Auf den Fußball bezogen, geht es mir wie uns allen: Spiele mit Fans sind einfach etwas komplett anderes. Bei der Gruppenphase der U21-Europameisterschaft habe ich zuletzt erlebt, wie schade es ist, wenn niemand da ist, um das Spiel zu genießen. Wir wünschen uns alle, dass diese Atmosphäre, diese Energie, die der Fußball bietet, dass das bald wieder da ist. Darauf freue ich mich sehr.

DFB.de: In wenigen Wochen beginnt neben der K.o.-Phase der U21-Europameisterschaft auch das Turnier für das A-Team. Freuen Sie sich als Fan auf die Spiele oder überwiegt der professionelle, analytische Blick?

Niedzkowski: Das ist eine schwierige Frage [lacht]. Ich würde definitiv sagen, dass ich nicht total unbeteiligt auf die EM schaue, das wäre ja auch komisch. Natürlich fiebere ich mit, wenn unsere A-Mannschaft spielt. Das Analytische ist aber auch immer dabei. Da kann sich, glaube ich, kein Coach von lossprechen. Gleichzeitig denke ich, dass ich diese Spiele auch genießen kann. Auch, weil ich sicher bin, dass unsere Mannschaft mitreißende Spiele abliefern wird. Anders gesagt: Ich gehe davon aus, dass ich die Spiele genießen kann, weil ich sie analytisch begleite [lacht].

DFB.de: Lassen Sie uns noch weiter, über den Turniersommer hinaus, vorausblicken. Wie ist der aktuelle Stand der Planungen für den nächsten Lehrgang?

Niedzkowski: Er wird im ersten Quartal des nächsten Jahres beginnen – so es denn geht, das weiß jetzt noch niemand. Jedem Lehrgang sind einige Dinge vorangestellt: Unter anderem musst Du ein Auswahlverfahren machen, was natürlich eine positive Entwicklung in Bezug auf Corona voraussetzt. Insgesamt freue ich mich einfach darauf, mit meinem Team zusammen alles komplett aufzuarbeiten: Die positiven Dinge zu konservieren und den Lehrgang mit neuen Inhalten und Methoden anzureichern. Ich freue mich auf die vielen Gespräche mit Expert*innen, die weiteren Input geben können und darauf, das Anforderungsprofil an Trainer*innen weiter zu schärfen.

DFB.de: Gibt es etwas, das Sie den 25 Absolvent*innen des diesjährigen Lehrgangs noch mit auf den Weg geben möchten?

Niedzkowski: Dass ich ihre Entwicklung immer total interessiert verfolge und gespannt bin, wohin ihre Wege führen. Wir haben die gute Basis, die schon da war, nochmal angereichert. Jetzt ist es spannend zu sehen, wie die einzelnen Karrieren verlaufen. Darauf freue ich mich und wünsche allen nur das Beste.

Text- und Fotoquelle: DFB

mst

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